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„Wir sind Profis“ – Oh Yeah meets Rollenfang

 

Am 24. März geht’s los mit unserem „Oh Yeah Kurzfilmabend – It’s a shorty“  in der Zukunft am Ostkreuz. Unsere Einnahmen des Tages gehen diesmal an das Projekt Rollenfang, eine Plattform für Schauspieler_innen mit Behinderung. Träger von Rollenfang ist der VIA-Verbund gemeinnützige GmbH, deren Ziel es ist, Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir haben Wolfgang Janßen, den Gründer von Rollenfang, getroffen.

Oh Yeah: Wie sind die Reaktionen auf Euer Projekt?

Wolfgang: Erstmal sind alle begeistert. Aber dann! Wenn es konkreter wird, dann sagen die meisten, dass es doch nicht ganz passt oder dass Schauspieler_innen mit Behinderung viel Arbeit machen oder dass mehr Geld für die Produktion benötigt wird. Das empfinde ich oft schon als Ausrede.

Aber mit dem WDR haben wir jetzt ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Uni Siegen initiiert, in dem man jetzt erstmalig guckt, wie die Rollenanforderungen für Schauspieler_innen genau aussehen. Das ist ein Seminar und geht über drei Semester. Das finden wir super!

Ja, das ist super. Der Blickwinkel muss geschärft werden!
Genau. Es ist einfach so, dass die meisten Menschen Berührungsängste haben. Sogar Regisseur_innen, die ja eigentlich kreative und mitfühlende Menschen sind. Es ist immer so, dass nach der Vermittlung und zwei Tagen am Set das Eis schnell schmilzt. Und dann wird es normal. Aber am Anfang wissen viele nicht, wie sie mit den Schauspieler_innen mit Behinderung umgehen sollen. Das ist eigentlich das Schlimmste: der mangelnde Umgang mit Menschen mit Behinderungen.

Manchmal wird auch gefragt, ob die Schauspieler_innen auch mehr als vier Stunden arbeiten können. Und ja, natürlich können sie das!

Was passiert häufiger? Werden Rollen mit Behinderungen von Menschen mit Behinderung oder ohne gespielt?
Das Verhältnis ist ungleich zugunsten der Menschen, die keine Behinderung haben. Die spielen dann eine Behinderung, wie in dem Film „Ziemlich beste Freunde“ oder auch in „What’s eating Gilbert Grape?“ mit Leonardo DiCaprio. Das ist natürlich der Sinn unseres Projektes: wir möchten, dass unsere Schauspieler_innen gesehen werden – nicht wegen ihrer Behinderung, sondern aufgrund ihrer schauspielerischen Leistung. Und das ist immer noch nicht so. Jetzt rufen die Produzenten im Moment noch an und möchten jemanden, der blind ist oder im Rollstuhl sitzt. Es sagen so viele Caster, dass sie keine Rollen für unsere Schauspieler_innen haben, aber natürlich können sie auch Köchin und Gärtner spielen.

Was war der ausgefallendste Drehort?
Den aufregendsten Dreh hatte unsere Schauspielerin Carina Kühne für die „Bergretter“ in der Steiermark. Zwischendurch gab es Unwetter und einen großen Murenabgang, wo der ganze Drehort abgesackt ist. Carina musste dann erstmal wieder für drei Tage nach Hause fliegen, bis alles wieder getrocknet war. Und dann gab es eine große Motorradtour durch die Berge. Das war aufregend.

Mit Max Dominik haben wir letztes Jahr auf Rügen gedreht bei „Sturm auf dem Schiffskutter“. Da hat sich die halbe Crew übergeben! Aber Max und ich nicht.
Wolfgang freut sich.

Eva von Oh Yeah mit Wolfgang Janßen

Eva von Oh Yeah! mit Wolfgang Janßen

Gibt es Rollen, die besonders schwierig umzusetzen sind?
Natürlich gibt es mal hier und da Probleme, aber die sind genauso wie im Alltag anderer Schauspieler_innen, wie Texthänger, Versprecher oder Lampenfieber. Aber, was ich an Menschen mit einer geistigen Behinderung super finde, ist, dass die Energie und die Konzentration total da ist. Da gibts kein Abwägen, sondern sie machen das einfach. Das ist toll! Schauspieler_innen, die eine körperliche Einschränkung haben, funktionieren natürlich genauso wie Schauspieler_innen ohne Behinderung. Der eine hat mehr Angst, der andere weniger. Aber gerade Menschen mit Down-Syndrom legen so eine Spiellust an den Tag.

Bei einem der letzten Drehs sagte auch eine Regisseurin, dass das ganze Ensemble eigentlich mit dem Menschen mit Behinderung viel besser funktioniert hat, obwohl wir manche Takes durchaus öfter drehen mussten. Noch besser wäre es natürlich, wenn sie sagen würden, dass unsere Schauspieler_innen mit Behinderung einen super Job hingelegt haben. Aber das ist schon der erste, positive Schritt und der zweite wäre, wenn alle sagen: “Wisst ihr was? Das sind Profis, die wollen wir engagieren!”

Wie ist die Ausbildung der Schauspieler mit Behinderung? Können sie eine Schauspielschule besuchen?
Nein, das ist das größte Problem. Es gibt keine Inklusion an Schauspielschulen. An staatlich geförderten Filmhochschulen gibt es keinen Menschen mit Behinderung. Auf der einen Seite wird gesagt, dass die kognitive Leistung für eine Aufnahme in die Schule nicht ausreicht, bei einer körperlichen Behinderung könne Bewegungssport wie Fechten, Reiten, Schwimmen nicht umgesetzt werden. Also bewerben sich unsere Schauspieler dort erst gar nicht.

Die einzige Ausnahme war Samuel Koch. Er die hat die Aufnahmeprüfung vor seinem Unfall auf der Filmhochschule in Hannover geschafft. Nach seinem Unfall bei „Wetten dass…!?“ wollte auch diese Schule ihn nicht mehr lehren, aber der Druck vom ZDF und den Mitstudenten war zu hoch, so dass er bleiben konnte. Danach hat die Filmhochschule in Hannover Umbauarbeiten vorgenommen und vieles rollstuhlgerechter umgesetzt. Trotzdem ist danach kein Mensch mehr mit Behinderung aufgenommen worden.

Wir müssen deshalb versuchen, erst einmal andere Wege zu gehen. Wir bei Rollenfang veranstalten inklusive Kameraworkshops, es gibt viele inklusive Theatergruppen wie „Theater Thikwa” oder „Meine Damen und Herren“ in Hamburg. Da lernen Schauspieler_innen mit Behinderung den Job durch tägliches Training und viele Auftritte. Die durch Rollenfang vertretene Schauspielerin Carina Kühne zum Beispiel, hat durch uns letztes Jahr drei Jobs bekommen. Und in der kommenden Spielzeit spielt sie die Hauptrolle in einem Theaterstück im Grips Theater. Carina hat zwar Begabung fürs Spielen, doch richtig erlernt sie das Handwerk durch Erfahrungen in unterschiedlichen Jobs und in privat finanzierten Workshops.

Wie ist Dein eigener Background? Bist Du Schauspieler?
Wolfgang lacht und zuckt die Schultern. Nein. Ich hab mal BWL und VWL studiert und danach immer in Kulturunternehmen gearbeitet. Bevor ich Rollenfang gegründet habe, war ich zehn Jahre kaufmännischer Leiter der Internationalen Filmfestspiele in Berlin.

Wie funktionieren die Patenschaften der prominenten Schauspieler? 
Die Paten gehen sehr offensiv mit ihrer Patenschaft um. Unser jüngster Pate ist zum Beispiel Wanja Mues, der in „Ein Fall für Zwei“ mitspielt. Der hat ganz klar kommuniziert, dass er ein Pate von uns ist und eine Rolle für einen Schauspieler von Rollenfang haben möchte. Die Paten haben das Prinzip von Rollenfang verinnerlicht und fragen gezielt nach dem „Koch“ oder dem „Gärtner“ und nicht nach einem Schauspieler mit Behinderung.

Was darf keiner über Dich wissen?
Das ist schwierig! Vielleicht: ich bin zwar nicht gelernter Schauspieler, aber ich spiele manchmal selber – aber nur vor Fachpublikum. Dann spiele ich entweder den bösen Angestellten oder den allwissenden Chef in Personalauswahlverfahren.

Danke, Wolfgang für das tolle Gespräch. Wir sehen uns beim Oh Yeah Kurzfilmabend – It’s a shorty.

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Mehr Infos findet Ihr auf Rollenfang.de. Ihr könnt auf unserem Oh Yeah Kurzfilmabend – It’s a shorty  für den Verein spenden und Wolfgang Janßen kennenlernen.

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