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„Er steckt in uns: Der Jäger- & Sammlerinstinkt“

Am 9. Mai unterstützen wir bei unserer Tagebuchlesung das Projekt Mundraub, die eine Karte aller Wildgewächse wie Obst, Gemüse und Kräuter in Berlin zur Verfügung stellen. Dazu finden regelmäßig Events statt, wie Wanderungen, Fahrradtouren oder Kochabende. Wir haben mit Kai Gildhorn, dem Gründer von Mundraub, gesprochen.

Oh Yeah: Wie seid Ihr darauf gekommen, eine Karte mit Obst, Gemüse und Kräuter umzusetzen?
Kai Gildhorn: Wir waren auf einer Kanutour mit sechs oder sieben Leuten und hatten natürlich alles eingepackt für vier Tage, inklusive Bananen und Pfirsichen. Dann haben wir auf den Zelt- und Wasserrastplätzen Obstbäume gefunden. Dort wuchsen Äpfel, Mirabellen und Haselnüsse. Da dachten wir: Wow, wie absurd – da haben wir schön im Supermarkt eingekauft und hier gibt’s alles ganz natürlich! Das war der Auslöser für die Gründung von Mundraub.

Großartiges Projekt! Das ist sicher auch viel Organisationsaufwand?
Ja, das war auch erst alles nicht so groß gedacht. Wir haben einfach eine Karte ins Netz gestellt, die alle Obstbäume verzeichnet. Im ersten Jahr gab es aber gleich eine so große Resonanz! Die Medien kamen auf uns zu, Radio- und Fernsehinterviews, und wir hatten jede Menge Anfragen von Streuobstinitiativen. Aber auch von privaten Nutzern und Bürgermeistern. Wir waren total erschlagen! Wir hatten fast alle einen Job und bei der Gründung keine Struktur. Es war ja nie so gedacht, dass es mal ein Unternehmen wird, mit dem wir voll ausgelastet sind. Wir hatten einfach nur eine Karte ins Netz gestellt! Aber die Leute waren getriggert.

Natürlich hatten wir auch Glück, der Zeitpunkt war genau richtig. Jeder wollte teilen. Erst kam das Carsharing, ein paar Jahre später foodsharing und Web 2.0, das uns überhaupt ermöglichte, die Karte inklusive Kommentaren für mehr Austausch zu veröffentlichen. Nachhaltigkeit war auch ein großes Thema. Da kamen wir mit unserer Idee gerade zur rechten Zeit.

Ihr schafft ein Bewusstsein für die Umgebung. Weil es Euch gibt, geht man viel bewusster durch die Stadt und schaut sich zum Beispiel jeden einzelnen Baum an.
Ja, auf jedenfall. Es gab in den Neunzigern auch Lebensmittelskandale, wie BSE und hohes Dioxin in den Hühnereiern, Glyphosaat ist jetzt auch wieder ein Thema. Ab da fingen die Leuten an, über ihr Essen, ihre Umgebung und auch über die Wirtschaft nachzudenken. Und dann zu sagen, guckt mal, wir haben was entdeckt, nichts Marktorientiertes, das wächst in der Natur – das hat für Aufmerksamkeit gesorgt.

Mundraub ist auch ja auch ganz einfach. Wir stellen ein Werkzeug zur Verfügung, das was sichtbar macht, was sowieso schon da ist.

Wie sieht ein perfekter Tag für dich aus?
Ein perfekter Tag beginnt für mich mit einem guten Frühstück mit meiner Familie. Vielleicht bin ich vorher schon eine Runde gejoggt oder geklettert. Dann gehen wir in den Park oder fahren an den See. Und natürlich ist es dann toll, wenn wir zwischendurch was zum Ernten finden. Und wenn es zu viel ist, nehmen wir es mit nach Hause und machen daraus zum Beispiel eine Obstsuppe. Und abends schmeißen wir den Grill an, laden noch ein paar Freunde ein und gehen zufrieden ins Bett. Das ist ein perfekter Tag!

Gehört es für dich dazu, sich auch aus der Stadt zu ernähren?
Ja, klar. Wir haben letztes Jahr mal einen Wettbewerb gemacht und wollten ausschließlich aus gemundräuberten Sachen ein Frühstück zubereiten. Das haben wir tatsächlich zu 95% geschafft. Im Herbst geht das am Besten. In Alt-Treptow zum Beispiel gibt es Esskastanien. Daraus machen wir dann Muß mit ein paar Haselnüssen, die an der Straße wachsen, und dann ein paar Äpfel reingeschnitten oder Heidelbeeren aus dem Supermarkt. Das ist einfach ein ganz tolles Gefühl, wenn man auch selbstangebauten Sachen aus dem Garten isst. Ich finde, da ist man so richtig geerdet.

Bei Euch gibt es auch Baumsalatführungen. Was ist das genau?
Das sind tatsächlich Bäume. Da nimmt man die Knospen und die Triebe von den jungen Birken und Buchen oder das Maigrün von der Fichte. Letzteres kann man prima einlegen und zum Beispiel Honig draus machen. Meine Kollegin Magda ist da die Spezialistin.

Wie sieht es mit Pilzen aus?
Pilze haben wir nicht mit dabei, denn es gibt jetzt keine fixen Pilzstellen. Die wachsen mal hier und mal dort. Und der zweite Grund ist, dass Pilze natürlich giftig sein können. Ich habe gerade letztes Jahr gelesen, dass eine Familien am Grünen Knollenblätterpilz gestorben ist. In Syrien gibt es wohl einen Pilz, der ganz ähnlich aussieht. Bei uns ist der aber hochgiftig. Wenn du den isst, dann kannst du nichts mehr machen. Deshalb würde ich gerade bei Pilzen jemanden mitnehmen, der sich damit auskennt oder meine Ernte zur Pilzberatung bringen.

Und der dritte Grund ist, dass Pilzstellen manchmal was Heiliges haben, die verrät man nicht einfach so. Mein Vater hat mir früher seine Pilzstellen auch nicht verraten. Aber ich hab sie später selbst entdeckt.

Aber alles, was Ihr auf der Karte verzeichnet habt, ist vor Verwechslung ausgeschlossen?
Bei Kräutern ist es das Gleiche. Da würde ich immer mit jemanden mitgehen, der Ahnung hat. Der Schierlingskraut ist zum Beispiel sehr giftig. Immer am besten beobachten und zwei, drei Kräuterwanderungen mitmachen.

Gibt es auch exotische Früchte, die man in Berlin nicht vermuten würde, wie Zitronenbäume?
Wir haben in Berlin ein paar Aprikosen. Aber wir haben auch heimische Früchte, von denen man gar nicht weiß, dass man sie essen kann, zum Beispiel die Vogelbeere. Die ist super lecker. Man darf sie aber nicht roh essen. Aus der Beeren kann man zum Beispiel Marmelade machen oder eine Barbecue-Soße mit Vitamin C. Aber es gibt auch die Felsenbrine, die nach Marzipan schmeckt, oder wilder Hopfen.

An Hopfen denken wir dann gleich an Äcker. Aber da darf sich ja nicht jeder dran bedienen.
Ja, das stimmt. Aber bei Mundraub zeigen wir, wo etwas wild wächst und wo man sich bedienen kann. Wir wollen den Jäger- und Sammlerinstinkt anregen, der in uns steckt.

Und ist es noch abzuschätzen, ob die Ernte dieses Jahr reich wird?
Bis zum zehnten Mai kann es ja noch Frost geben. Das hatten wir zum Beispiel letztes Jahr. Da gab es fast gar nichts mehr! Deshalb kann man das nicht so genau sagen. Nach der Alternanz könnte es dieses Jahr richtig viel werden.

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Wir lernen in der heutigen Gesellschaft, dass wir saisonübergreifend immer alles zur Verfügung haben. Und auf unserer Mundraub-Plattform sieht man dann, dass es Monate gibt, wo wirklich viel geerntet werden kann. Vielleicht ist Mundraub auch ein Einstieg in natürliche Zyklen, die wir erlebbar machen. Mundraub gibt die Möglichkeit, den Jahresrhythmus mitzuerleben.

Was darf keiner über dich wissen?
Ich esse einmal im Jahr ein richtig schönes Eisbein (lacht). Naja, und ich war letztens auf einem Schamanismus-Seminar, da hatte ich einen Pflaumenbaum als Kraftstab. Das war ein junger Pflaumenbaum, den ich abholzen musste und der jetzt bei mir zu Hause steht. Wir mussten uns einen Baum aussuchen und einen Energieaustausch vornehmen. Das lasse ich mal an dieser Stelle offen, wie das aussah! Das war sehr archaisch. Lacht.

Danke, Kai für das tolle Gespräch. Wir sehen uns auf der nächsten Oh Yeah Lesebühne m am 9. Mai.

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Mehr Infos findet Ihr auf Mundraub.org. Ihr könnt auf unserer nächsten Oh Yeah Tagebuchlesung, für den Verein spenden und Kai Gildhorn kennenlernen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Projekte

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