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Oh Yeah meets RechtsGegenRechts

Wir sind im Friedrichshainer Nordkiez, wo das ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur ihre Büros hat, im fünften Stock mit Blick über die Baumwipfel Richtung Lichtenberg. Hier treffen wir uns mit Fabian Wichmann, der uns mehr über die Initiative „RechtsGegenRechts“ erzählt, welche Nazi-Demos zum Charity-Event umwandelt. Denn für jeden gelaufenen Meter gehen Spenden von Unternehmen und Bürger_innen an EXIT-Deutschland oder Projekte, die sich gegen Neonazis engagieren.

Oh Yeah: Wie sieht Eure Struktur aus, wie organisiert Ihr Euch?
Fabian Wichmann: Wir sind ein überschaubares Team, in dem nicht jeder eine festgelegte Aufgabe hat. Ich bin in erster Linie bei EXIT-Deutschland angestellt und in der Begleitung von Aussteigern tätig. Ich bin aber auch für die Öffentlichkeitsarbeit und die Entwicklung von Kampagnen zuständig. Wahrscheinlich bin ich so eine Art eierlegende Wollmilchsau. (lacht)

„Hass Hilft“ und „RechtsGegenRechts“ sind mein Alter Ego, das sich als Initiave oder Kampagne durch meine Arbeit bei Exit entwickelt hat.

Warst Du an der Ideenfindung von „RechtsGegenRechts“ beteiligt?
Ja, das war spannend. Angefangen hat alles mit unserer langjährigen Werbeagentur. Die haben ganz klassisch angefragt, ob sie mit uns eine Idee umsetzen können, die sie wiederrum bei Wettbewerben einreichen können.

Unser erstes Projekt im Rahmen der Kampagne war ein T-Shirt mit Doppeldruck. Die obere Schicht mit Totenkopf, Flagge und Nazispruch war abwaschbar, die Schicht darunter aber fixiert mit unserem Absender und mit dem Spruch „Was Dein T-Shirt kann, kannst Du auch“. Wir haben die T-Shirts zu einem rechten Konzert geschickt und einen Kameraden gefunden, der die gerne ehrenamtlich verteilt hat. Das war schon gut. Wir hatten Fotos von den abgewaschenen T-Shirts und verärgerten Nazis.

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Dann ging es weiter – meistens ist es so, dass wir die Ideen haben und die Agentur dies zusammen mit uns weiterentwickelt und das Ergebnis umsetzt.

Wie funktioniert der Spendenlauf von „RechtsGegenRechts“?
Es gibt eine Kameradschaft, die laufen jährlich durch Wunsiedel. Das Ganze ist ein Trauermarsch zum Gedenken an die Wehrmacht und indirekt auch an Hess, dessen Geschichte sie mit Lichtern und Fackeln wieder aufleben lassen wollen. Die Idee von „RechtsGegenRechts“ war es, dieses Narrativ zu nehmen, etwas Größeres drumherum zu bauen und die Teilnehmer des Trauermarsches als Statisten zu nehmen.

Wichtig war, dass wir einen Trauermarsch finden, denn da gibts von den Nazis selbstauferlegte, strenge Teilnahmeregeln: es darf nicht getrunken, nicht geraucht und geredet werden, sie dürfen sich nicht provozieren lassen oder auf Gegendemonstranten eingehen und müssen bestimmte Kleidung tragen. Deshalb ist ein Trauermarsch sehr berechenbar.

Wie habt ihr die Spenden generiert?
Obwohl wir von der Idee überzeugt waren, war es schwer, an Spenden zu kommen, weil vielen das Thema zu abstrakt war. Letztendlich waren es vor allem private Spender. Kaum einer wollte aber namentlich genannt werden. Die Gesamtspende hatten wir tatsächlich erst ein paar Tage, bevor alles stattfinden sollte, zusammen.

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Haben die Nazis gemerkt, dass um sie herum eine Kampagne umgesetzt worden ist?
Wir haben auch jetzt in der Beratung bei EXIT zwei, drei Leute, die in ihrer aktiven Zeit genau da mitgelaufen sind. Einer hat mir erzählt, dass er erst am Ende gemerkt hat, was da um ihn passiert ist. Die Fotos, die in der Berichterstattung der Rechten vorkamen, waren auch lustig. Sie haben peinlich darauf geachtet, dass es keine Fotos sind, die in irgendeiner Weise Hinweise auf „RechtsGegenRechts“ geben. Das hieß, dass immer nur eine Frequenz im Video und die gleichen Fotos in der Nachberichterstattung auftauchten, weil es nur einen kurzen Streckenabschnitt gab, an dem wir kaum präsent waren.

Bei all unseren Projekten ist es uns am Wichtigsten, wahrgenommen zu werden und dass sich jemand an uns erinnert, wenn er aussteigen möchte.

Wir haben auch Nachahmer des Spendenlaufs aus aller Welt, das ist super! In San Francisco ist unsere Idee noch weiterentwickelt worden: Adopt a Nazi. Jeden Nazi, der dann da auf der Demo mitlief, konnte man adoptieren und für ihn spenden. Die Crowdfundingkampagne davor hat aber schon so viel Aufmerksamkeit gebracht, dass die Demo am Ende abgesagt worden ist.

Wie seid Ihr auf den Namen für die Kampagne gekommen?
Es wurde lange diskutiert aber wir fanden den Widerspruch des Namen sehr schön. Er verdeutlicht sehr gut das Absurde daran, dass aus dem Schlechten etwas Gutes gemacht wird und dein Hass indirekt und unfreiwillig zur Hilfe beiträgt.

Was hat Dich bewegt in diesem Bereich zu arbeiten?
Ich bin ein Wendekind aus Brandenburg. Damals gab es eine starke und schnelle Polarisierung, man musste sich schnell für eine Seite entscheiden. In meiner Schulzeit hatte ich schon Stress mit den Schulneonazis. Ich wurde immer wieder mit dem Thema konfrontiert, auch im Studium. Irgendwann habe ich die Biografie von Ingo Hasselbach gelesen, dann ein Praktikum im Bereich gemacht und jetzt bin ich seit fast 10 Jahren für EXIT Deutschland tätig.

Wie kommen die Leute zu EXIT Deutschland?
Das ist ganz unterschiedlich, aber das meiste geht über Emails. Alle haben vorher ein Schlüsselerlebnis gehabt, dass ihnen die Augen öffnet und das sie an einem Ausstieg über lang oder kurz arbeiten lässt. Wir betreuen meist 10-15 Fälle gleichzeitig.

Hattet ihr auch hochrangige Funktionäre, die aussteigen wollten?
Ja, klar. Die Leute, die zu uns kommen, haben alle verschiedene Backgrounds. Wir haben Kameradschaftsführer, NPD-Kader und -Funktionäre und Langzeitaktivisten. Und wir haben auch wirklich Fälle, die von Namens- bis Wohnortwechsel alles mehrfach vollziehen müssen, weil sie aufgeflogen sind. Wir arbeiten mit Leuten, die sehr gefährdet sind, bis hin zu Leuten, die schnell die Gruppe verlassen möchten, ohne dass was passiert.

Wie ist der Anteil Frauen/Männer und auch Jugendlicher?
Ich würde schätzen, ein Drittel Frauen, zwei Drittel Männer. Jugendliche betreuen wir gar nicht oder nur sehr selten. Die brauchen eine intensivere Betreuung und ein festes Konstrukt, das wir in unserer Aufstellung nicht anbieten. Aber wir vermitteln dann natürlich.

Hast Du eine Zukunftsvision?
Nee, ich habe eher Zukunftsängste. Ich glaube nicht an den großen Wurf oder an eine friedvolle Welt, da bin ich schon etwas abgefrühstückt. Es treten so viele unterschiedliche Interessen und Lebensentwürfe auf, die einfach nicht zusammenpassen. Wichtig ist, dass die zwischenmenschliche Ebene und Kommunikation stimmt.

Was darf keiner über Dich wissen?
Ich schaffe es sogar, mich mit verstärkten Springerstiefeln am Fuß zu verletzen.

 

WIE BITTE? Wir unterstützen RechtsGegenRechts, eine Initiative von Exit Deutschland, bei unserem Event Drink 4 Good – Oh Yeah Music Festival

WANN   Samstag, 24. November, ab 16:00 Uhr 

WO   Karl-Marx-Straße 66, 12043 Berlin, in den Neukölln Arkaden

Mehr Infos zu RechtsGegenRechts findet ihr hier
http://rechtsgegenrechts.de

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